Potosí oder der Berg, der Menschen frisst

Etwa vier Stunden dauert die Busfahrt von Sucre in eine Stadt, welche die Weltgeschichte beeinflusst hat wie kaum eine andere in Südamerika – und trotzdem kaum bekannt ist. Auf rund 4000 Metern Seehöhe liegt Potosí, einst die Schatzkammer des spanischen Imperiums. Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert wurden hier unvorstellbare Mengen an Silber aus dem Cerro Rico, zu deutsch reichen Berg, abgebaut. Laut Schätzungen kamen zu dieser Zeit 80% des weltweiten Silbers aus Potosí.

Das Silber würde direkt in Potosí zu Münzen weiterverarbeitet

Die Silbervorkommen führten dazu, das Potosí zu Beginn des 17. Jahrhunderts 150.000 Einwohner zählte und somit eine der größten Städte der Welt war. Die imposanten Gebäude im Stadtzentrum, wie etwa die vielen Kirchen, sind heute noch Zeugen dieser Zeit. Doch abseits davon hat die Stadt heute einen Charme, welcher die Bergbaustädte der Obersteiermark wie Paris wirken lässt. Die Häuser außerhalb des Zentrums erinnern an die Favelas von Rio und die ohnehin schon dünne Atemluft wird durch die vielen alten Fahrzeuge verschmutzt.

Die Stadteinfahrt von Potosí, im Hintergrund der Cerro Rico.

Heute leben in Potosí rund 175.000 Menschen, also knapp mehr als zu seiner Hochzeit. Auch wenn die Silveradern längst versiegt sind, wagen sich auch heute noch mehr als 10.000 Menschen täglich in den Berg. Organisiert sind sie dabei in eigene Collectivos, gesetzliche Vorschriften gibt es keine. So verwundert es auch nicht, das jährlich mehr als 100 Menschen bei Unfällen ums Leben kommen. Hinzu kommt, das aufgrund der wiedrigen Bedingungen kaum ein Bergmann älter als 50 wird. Warum trotzdem so viele Menschen ihr Glück im Berg suchen – die Bezahlung ist dreimal so hoch wie der Durchschnitt.

Der zentrale Platz von Potosí

Schätzungen zufolge sind in den 500 Jahren, in denen im Cerro Rico Bergbau betrieben wird, zwischen drei und acht Millionen Menschen dabei ums Leben gekommen. Man sagt das man mit dem geschürften Silber eine Brücke bis nach Spanien errichten kann und mit den Knochen der dabei umgekommen Menschen eine zweite Spur zurück. Ein Großteil der Opfer war Sklaven, denen sie Höhenbedingungen zusätzlich zu schaffen machte.

Neben Silber gibt es im Berg noch zahlreiche andere Mineralien

Abenteuerlustige können eine Tour in den Berg unternehmen. Eine Station dabei ist der Bergarbeiter Markt, auf dem man neben 97%igen Alkohol und Coca-Blättern auch Dynamit kaufen kann. Alles ohne irgendwelche Nachweise erbringen zu müssen. Viele der Touren werden von ehemaligen Bergmännern geführt, mit dem Geld werden die Collectivos unterstützt. Ich hab mich dennoch entschieden nicht in den Berg zu gehen, vor allem da mir die Höhe noch ein wenig zu schaffen gemacht hat.

Das Haus des Geldes in Potosí

Doch auch ohne unter Tage zu gehen kann man in die Geschichte von Potosí, die Hand in Hand mit dem Bergbau geht, eintauchen. In der Casa de la moneda, wo das Silber verarbeitet und zu Münzen geprägt wurde. Hier erfährt man alles, angefangen vom Aberglauben der Bergleute über den Weg vom Silbererz zur fertigen Münze bis hin zu welche Mineralien ansonsten noch im Cerro Rico gefunden werden können. Auch die technologische Entwicklung der Prägemaschinen, von Muskelkraft über Dampf bis hin zu Elektrik wird beleuchtet.

Ein Auszug der hier geprägten Münzen

Als die Tour vorbei ist strahlt die Sonne vom blauen Himmel und der Cerro Rico steht immer noch. Die Frage ist aber wie lange – seit Jahren schon warnen Geologen, dass der Berg, der im inneren eher einen Schweizer Käse gleicht, in sich zusammenbrechen wird. Zu lange und zu tief wurde vorgedrungen, ohne die Stollen ausreichend zu sichern. Man kann nur hoffen, dass der Berg dann nicht zu viele weitere Menschen verschluckt.

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